Fachtagung fasst Erkenntnisse zu kombinierten Naturschutzmaßnahmen aus dem Projekt Rheinland³ zusammen
(08.08.2025) Wie kann die Effektivität von Naturschutzmaßnahmen in der Agrarlandschaft gesteigert werden? Welche Rolle spielen hierbei gezielte Kombinationen von Maßnahmen zur Förderung bestimmter Artengruppen? Und welche Bedeutung hat Umweltbildung in diesem Zusammenhang? Diesen und vielen weiteren Fragen wurde auf der Fachtagung „Kombinierte Naturschutzmaßnahmen – Abschlusstagung des Projektes Rheinland³“ am 09. Juli in der Stadthalle Troisdorf nachgegangen.

Über 60 Teilnehmende aus unterschiedlichsten Fachbereichen wie Untere Naturschutzbehörden und Umweltämter, Stadt- und Kreisverwaltungen, Bezirksregierungen, der Landwirtschaftskammer, den Biostationen sowie Gutachter- und Planungsbüros, aber auch aus dem Hochschulsektor sowie ehrenamtliche Naturschützer:innen kamen zur Tagung des im Bundesprogramm Biologische Vielfalt geförderten Projektes zusammen. Sie setzten sich unter der Moderation von Thomas Muchow, Geschäftsführer der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft, mit der Frage auseinander, ob kombinierte Naturschutzmaßnahmen das Potenzial haben, dem Artenschwund und Lebensraumverlust in unserer Agrarlandschaft entgegenzuwirken. Darüber hinaus wurde ein Blick auf zwei weitere Projekte aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt geworfen, die sich mit der kooperativen Umsetzung von Agrarumweltmaßnahmen und einer insektenschonenden Grünlandmahd beschäftigen.
Zu Beginn der Veranstaltung richteten Dr. Martin Berges, Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW, sowie Thomas Graner, Vizepräsident des Bundesamtes für Naturschutz, Grußworte an die Teilnehmenden. Dr. Berges hob die Bedeutung praxisorientierter Projekte wie Rheinland³ an der Schnittstelle zwischen Naturschutz und Landwirtschaft für die Weiterentwicklung von Förderprogrammen des Landes NRW hervor und betonte, dass Biodiversität und Landwirtschaft kein Widerspruch seien. Nachfolgend unterstrich Thomas Graner die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Landwirtschaft – auch bei der Gestaltung konkreter Maßnahmen. Dies sei auch ein Kernelement der Projekte, die das Bundesamt für Naturschutz im Bundesprogramm Biologische Vielfalt fördert.
Mit dem anschließenden Einführungsvortrag ging Prof. Dr. Tillmann Buttschardt vom Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster der Frage nach, wie sich Landwirtschaft und Naturschutz transformieren müssen, um Landschaftsqualität zu schaffen bzw. zu erhalten (Vortrag Prof. Dr. Tillmann Buttschardt). Dabei ging er auf verschiedene Themenfelder wie Agroforst, Ökologischer Landbau und nachhaltige Wasserwirtschaft im Zuge des Klimawandels ein und hob hervor, dass Veränderungen maßgeblich von den Akteur:innen in der Praxis getrieben werden.
Dr. Stefan Schüler, Postdoktorand der Georg-August-Universität Göttingen, stellte im Anschluss das bundesweite Modellprojekt „KOOPERATIV“ zur gemeinschaftlichen Umsetzung von Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen auf Landschaftsebene vor (Vortrag Dr. Stefan Schüler). Unverzichtbar für das Gelingen des Ansatzes seien sogenannte „Kümmerer“, die mit Engagement und Eigeninitiative administrative und organisatorische Aufgaben übernehmen.
Ein weiteres Projekt aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt wurde von Lea von Berg, Doktorandin der Eberhard Karls Universität Tübingen, präsentiert (Vortrag Lea von Berg). Im Projekt „InsectMow“ werden insektenschonende Mahdverfahren im Grünland untersucht. Von Berg resümierte, dass insektenschonendes Mähen zwar möglich sei, aber natürliche Refugien wie stehengelassene Altgrasstreifen eine entscheidende Rolle für das Überleben von Insekten spielen würden.


Nach der Mittagspause wurden Erkenntnisse und Perspektiven aus dem Projekt „Rheinland³ – Lebensraum, Landwirtschaft, Lernort“ vorgestellt. Mit verschiedenen Kurzvorträgen wurden das Projekt insgesamt sowie die Ergebnisse aus den faunistischen, sozio-ökonomischen und pädagogischen Evaluationen vorgestellt. Den Anfang machte Dr. Heiko Schmied, Leiter Forschung, Entwicklung und Wissenstransfer der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft, indem er die Hintergründe, Ziele und die Durchführung des sechsjährigen Projektes vorstellte (Vortrag Dr. Heiko Schmied). Hierbei ging Dr. Schmied insbesondere auf den Aufbau und das Baukastensystem der sogenannten TriKAs (Trinäre Kombinationen in der Agrarlandschaft) ein und präsentierte die bei Rheinland³ umgesetzten Maßnahmen.
Im Anschluss daran ermöglichte Peter Zens, Projektlandwirt, Schauhof, einen Einblick in die praktische Umsetzung der Maßnahmen auf seinem Betrieb (Vortrag Peter Zens). Zens zog das Fazit, dass für ihn besonders produktionsintegrierte Maßnahmen von Interesse sind, bei denen er Naturschutz und landwirtschaftliche Produktion für seinen Milchviehbetrieb verbinden kann.
Geringe oder fehlende Unterschiede sind u. a. auf das Umgebungsproblem bei der Auswertung zurückzuführen, wonach bei der Gegenüberstellung der verteilt liegenden Referenzflächen zu den zentral an einem Standort umgesetzten TriKAs naturgemäß die Wahrscheinlichkeit für ein höheres Artenspektrum bei den Referenzflächen größer ist. Weitere Auswertungen sind vorgesehen, um das Umgebungsproblem zu lösen.
Die begleitende Umweltbildung im Projekt Rheinland³ wurde von Amelie Hassels, Projektleiterin Stiftung Rheinische Kulturlandschaft, präsentiert (Vortrag Amelie Hassels). Hierbei gab sie einen Einblick in die durchgeführten Unterrichtseinheiten und Aktionstage an weiterführenden Schulen sowie landwirtschaftlichen Berufsschulen und stellte die entwickelten Unterrichtsmaterialien vor.
Im Anschluss daran präsentierte Johannes Gorges, Gesellschafter Co Concept, die Ergebnisse der pädagogischen Evaluation (Vortrag Johannes Gorges). Die Befragungen der Schüler:innen und Lehrkräfte bescheinigten der Umweltbildung im Projekt Rheinland³ eine hohe Akzeptanz, Relevanz und Effektivität. Besonders die Alleinstellung durch die Verknüpfung von Theorie, Praxis und Lernort wurde positiv hervorgehoben.
Dr. Maria Gutknecht-Gmeiner, Geschäftsführerin Impulse, stellte die Ergebnisse der sozio-ökonomischen Evaluation des Projektes Rheinland³ vor (Vortrag Dr. Maria Gutknecht-Gmeiner). Aus ihrer Sicht haben die intrinsische Motivation der teilnehmenden Landwirt:innen sowie die umfangreiche Beratung und Betreuung durch das Projektteam einen wesentlichen Teil zum Erfolg des Modellprojektes beigetragen. Um die Teilnahmebereitschaft auch für zukünftige Projekte zu erhalten, empfahl sie, die Vergütung produktionsintegrierter Maßnahmen standortspezifisch zu gestalten und mögliche Ertragsverluste und Transaktionskosten zu berücksichtigen.
Die faunistischen Ergebnisse wurden durch Dr. Heiko Schmied und Melanie Kraft, Masterstudentin Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, vorgestellt (Vortrag Dr. Heiko Schmied und Vortrag Melanie Kraft). Festzuhalten bleibt, dass bei der Artengruppe der Feldvögel keine, bei den Fluginsekten schwache und bei den Laufkäfern teilweise signifikante Unterschiede zwischen den TriKAs und den Referenzflächen nachgewiesen werden konnten. Die Beifänge der Laufkäferuntersuchung (Spinnen und weitere Insekten), die mittels Metabarcoding ausgewertet wurden, wiesen dagegen hochsignifikante Unterschiede auf.
Dr. Heiko Schmied fasste die Projektergebnisse abschließend zusammen und resümierte, dass TriKAs durch ihre Effektivität und das Baukastensystem ein erfolgsversprechender Lösungsansatz zur Förderung von Biodiversität in der Agrarlandschaft seien, wenn die Finanzierung stimme. Gleichzeitig leiste die praxisorientierte Umweltbildung einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung des Bewusstseins für dieses Themenfeld bei den Schüler:innen von heute als Verbraucher:innen der Zukunft. Dr. Schmied wies außerdem darauf hin, dass die Erkenntnisse zu den TriKAs in einem Handbuch veröffentlich werden, während die entwickelten Umweltbildungsmaterialien zusammen mit einem Leitfaden zur Durchführung der Einheiten über die Internetseite der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft zur Verfügung gestellt werden (Vortrag Dr. Heiko Schmied).


Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion mit allen Referierenden und Christof Weins, Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW, zu der Frage: „Kombinierte Naturschutzmaßnahmen – flächig umsetzbar und finanzierbar?“. Zu Beginn wurde auf die Bedeutung der Umweltbildung eingegangen. So zeigt die Evaluation, dass sich Umweltbildung in jedem Fall lohne und die Fortführung und Ausweitung erstrebenswert seien. Einen wesentlichen Erfolgsfaktor stellte jedoch die aktive Durchführung der Lerneinheiten durch das Projektteam dar, die das nötige Fachwissen mitbrachten. Externes Personal sei häufig nötig, um derartige Umweltbildungseinheiten durchzuführen – hier mangele es jedoch häufig an der Finanzierung.
Hingewiesen wurde auf den „Projektunterricht NRW“, der die Durchführung von Umweltbildungseinheiten über einen langen Zeitraum ermöglichen würde. Hinsichtlich der flächigen Umsetzung der TriKAs wurde eingebracht, dass die Weiterentwicklung der AUKMs zwar wichtig sei, die EU-Regularien jedoch die Flexibilität bei der Gestaltung und Vergütung stark begrenzten. Daraufhin wurde eine Umschichtung der Gelder zugunsten qualifizierter Leistungen der Landwirtschaft im Naturschutz angeregt und ergänzt, dass Verbraucher:innen ebenfalls „mitziehen“ und bereit sein müssen, mehr Geld auszugeben.
Die Effektivität der Maßnahmenumsetzung könne auch durch Kooperationen gesteigert werden, wobei jedoch die „Kümmerer“ mitgedacht (und finanziert) werden müssen. Festgehalten wurde, dass aus ökologischer Sicht die Steigerung der Biodiversität durch z. B. Maßnahmenkombinationen in jedem Fall ihr Geld wert sei und dass es gute Instrumente gebe, um die Biodiversität zu messen. Im Blick halten müsse man jedoch auch, dass die beste Technik nichts nütze, wenn die Vielfalt nicht aktiv geschützt und erhalten werde. Auf die Frage aus dem Auditorium, ob TriKAs auch für kleinteilige Maßnahmen sinnvoll sind, wurde ausgeführt, dass Kombinationen immer sinnvoll seien, um die verschiedenen Bedürfnisse der Tiergruppen abzudecken.
Des Weiteren kam die Anregung aus dem Auditorium, die Auswirkungen der Maßnahmenumsetzung und die Vorteile hierdurch für die Projektlandwirt:innen selbst stärker in den Fokus zu rücken. Hier wurde zum Abschluss der Podiumsdiskussion erläutert, dass u. a. nützliche Laufkäferarten in der vorgestellten Masterarbeit mituntersucht wurden und den Landwirt:innen zur Verfügung gestellt werden können. Grundtenor aller Aussagen war stets das wichtige „Miteinander“ mit Landwirt:innen, um Bewusstsein und Akzeptanz für Naturschutzmaßnahmen zu schaffen und zu fördern.
Das Projekt Rheinland³ wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie durch das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.



