Im „Hasengang“ für Brandenburgs Ackerwildkräuter

(13.08.2019) Kaum ein Jahr ist vergangen, seit Frank Rumpe vom Biohof Kepos die Herausforderung angenommen hat, die seltenen Ackerkräuter im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land vor dem Verschwinden zu bewahren. Seit diesem Entschluss ist viel passiert: Nach dem Vorbild des rheinischen Projektes „Unkraut vergeht nicht – stimmt nicht!“ wurden bereits zehn Juwelen des Ackers gesammelt und liebevoll vermehrt. Die ersten Saatgutschätze warten nun auf ihre „Auswilderung“. Geeignete Äcker wurden bereits gefunden und auch das Interesse weiterer Landwirte ist groß.

Unterstützt wird Landwirt Rumpe bei der Herkulesaufgabe „Ackerwildkrautrettung Brandenburg“ von einem tatkräftigen Team vor Ort: Silke Oldorff von der Naturparkverwaltung Stechlin-Ruppiner Land und die Biologin Susan Wittwer und haben die Raritäten des Ackers im Naturpark aufgespürt und ihre Samen gesammelt. Im nächsten Schritt säte Chefgärtnerin Caro Badecke diese in der Gärtnerei des Biohofes Kepos in Altglobsow ein, wo sie die empfindlichen Ackerkräuter zusammen mit Frank Rumpe und seinem Team hegt und pflegt.

Grundvoraussetzung: Detektivischer Spürsinn und Experimentierfreude

„Einfach war es nicht, im Naturpark noch Spenderflächen für alle gesuchten Ackerkräuter zu finden“, berichtet Silke Oldorff. Denn die bekannten Vorkommen einzelner Arten, etwa Lämmersalat und Feld-Rittersporn, waren bereits erloschen. Die Ackerwildkrautretter gaben jedoch nicht auf: Sie erweiterten den Suchradius um 20 km und wurden tatsächlich fündig.

Nach langer Suche in der Nähe des Naturparks aufgespürt: Der Feld-Rittersporn gedeiht prächtig in den Vermehrungsbeeten. Foto: Silke Oldorff

So konnten schon wenige Monate nach dem Projektstart im Herbst 2018 zehn von insgesamt 19 ausgewählten Naturpark-Zielarten ausgesät werden. Der Anspruch der Vermehrung: Keiner der kostbaren Samen darf verloren gehen!

Experimentierfreude war hierbei an der Tagesordnung: „Kaum jemand hat Erfahrungen mit dem Vermehren von ‚Unkraut‘. Wir fragten uns anfangs etwa: Nehmen wir jetzt Anzuchterde oder doch lieber gewachsene Ackerkrume für die Vermehrung?“, berichtet Gärtnerin Caro Badecke von den ersten Vermehrungsversuchen.

Handernte der Doldigen Spurre, einer seltenen Ackerwildkrautart. Foto: Silke Oldorff

Gärtnerisches Geschick zahlt sich aus

Das „Team Brandenburg“ entschied sich schließlich für die sicherste, aber auch aufwendigste Vermehrungsmethode der „Unkräuter“: Die Anzucht in Saatschalen mit anschließender Vereinzelung der Keimlinge und Auspflanzung ins Freiland. Zudem wurde das Saatgut auf eine Herbst- und eine Frühjahrsaussaat aufgeteilt.

Landwirt Frank Rumpe, Biohof Kepos, beim „Unkrautjäten“ in den „Unkraut-Beeten“. Foto: Silke Oldorff

Diese Mühe wurde mehr als belohnt: Alle Arten konnten erfolgreich vermehrt werden, besonders gut entwickelten sich die Herbsteinsaaten. „Es macht große Freude, das Saatgut des Ackerrittersporns zu ernten. Wenn ich daran denke, dass wir nur mit ein paar Samenkapseln angefangen haben und jetzt aus dem Vollem schöpfen können! Aus jeder Blüte wurde eine gefüllte Samenkapsel“, erzählt Silke Oldorff voller Begeisterung.

Unerwartete Gäste, gesellige Kräuter und „Frühstarter“

Aber nicht jedes Ackerwildkraut konnte vollständig geerntet werden. So fand der Lämmersalat weitere Liebhaber, und zwar eine Feldhasenfamilie mit Sinn für besonders exquisite Gaumenfreuden. Sie überließ den Wildkrautrettern immerhin noch ein knappes Drittel des Bestandes zur Ernte.

Der mühsame vermehrte Lämmersalat erfreut nicht nur Botanikinteressierte, auch Langohren begeistern sich für das gefährdete Wildkraut. Foto: Silke Oldorff

Wie unterschiedlich die Ansprüche der einzelnen Arten ausfallen können und dass auch Wildkräuter Abwechslung lieben, zeigte sich bereits im ersten Vermehrungsjahr: „Der Gewöhnliche Ackerfrauenmantel hat sich in alle anderen Wildkrautkulturen hineingeschummelt und gedeiht dort sehr gut. Nur ganz allein, als „Monokultur“ in seinem eigenen Beet, fühlt er sich überhaupt nicht wohl“, berichtet Frank Rumpe.

Der vorwitzige Frauenmantel macht dem Acker-Spörgel seinen Beetplatz streitig. Foto: Silke Oldorff

Manche Arten geben ihre Samen zudem so freigiebig preis, dass an eine kontrollierte Samenernte nicht zu denken ist. Diese Schwierigkeit lösten die Wildkrautretter beim Acker-Stiefmütterchen, indem sie die ganzen Pflanzen bereits vor der Samenreife auf der Wiederansiedlungsfläche einpflanzten. Hier dürfen die Pflanzen nun nach Lust und Laune aussamen und so an Ort und Stelle den Grundstein für eine vielfältige Wildkrautflora legen.

Acker-Stiefmütterchen entlassen ihre Samen sehr schnell bei der Samenreife. Für diese Art braucht es daher besondere Strategien. Foto: Silke Oldorff

Genressourcen-Äcker als Zukunft

Die ersten extensiv bewirtschafteten Wiederansiedlungsflächen im Naturpark, getauft auf den Namen „Genressourcen-Äcker“, wurden bereits im Sommer 2019 von Botanikern kartiert. So wird sichergestellt, dass auf den ausgewählten Feldern nur die seltenen Arten ausgebracht werden, die dort tatsächlich nicht mehr vorhanden sind.

Vermehrungsbeet des Feld-Ackerrittersporns auf dem Biohof Kepos in Altglobsow. Foto: Silke Oldorff

Das Team um Frank Rumpe hat große Pläne für die Zukunft und erhält aus der Region viel Zuspruch für das Projekt: Schon 2020 soll nach Möglichkeit eine Saatgutvermehrung für Biobetriebe im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land starten. Es bestehen bereits Anfragen von Landwirten, die sich beteiligen möchten. Die Chancen, dass die Juwelen des Ackers im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land auch in Zukunft eine Heimat finden werden? Sie stehen mehr als gut.