Rheinland³ – Lebensraum, Landwirtschaft, Lernort

 

Die Biodiversität der Agrarlandschaft ist durch Veränderungen in der Bewirtschaftung, den anhaltenden Flächenverlust und den Klimawandel stark gefährdet. Im Projekt Rheinland³ soll mit neuen Ansätzen von Naturschutzmaßnahmen der Lebensraum Agrarlandschaft für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verbessert werden. Durch die Kombination von Naturschutzmaßnahmen soll ein Effekt erzielt werden, der über den einzelner Maßnahmen hinausgeht. Außerdem soll der Austausch und die Kommunikation zwischen der Landwirtschaft und der Bevölkerung gefördert werden. Um dies zu erreichen, ist die Entwicklung der Kulturlandschaft als Lernort für Schülerinnen und Schüler von weiterführenden Schulen geplant. Das sechsjährige Projekt ist im Oktober 2019 gestartet und wird durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt und das Land NRW (MULNV) gefördert.


Die Kulturlandschaft hat in Deutschland eine große Bedeutung als Lebensraum für eine Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten. Der starke Rückgang der Biologischen Vielfalt auf landwirtschaftlich genutzten Flächen beeinträchtigt wichtige Ökosystemleistungen, wie z. B. die Bestäubung von Nutzpflanzen.

Dies macht es dringend erforderlich, die Effizienz von Naturschutzmaßnahmen in der Agrarlandschaft weiter zu steigern. Gleichzeitig soll auch das Verständnis der Öffentlichkeit und Landwirtschaft für ökologische Zusammenhänge und eine nachhaltige und die Artenvielfalt fördernde Lebensmittelproduktion geweckt und gestärkt werden.


TriKAs – der neue Ansatz

In enger Zusammenarbeit mit Landwirtinnen und Landwirten werden drei sich ergänzende Naturschutzmaßnahmen, sogenannte „Trinäre Kombinationen in der Agrarlandschaft“ (kurz: TriKAs), umgesetzt.

Der neue Ansatz: Die Maßnahmen werden nicht wie bisher in der Praxis üblich, an verschiedenen Stellen eines landwirtschaftlichen Betriebes angelegt, sondern als sich ergänzende Kombination gleichzeitig umgesetzt. Der positive Effekt der einzelnen Maßnahmen auf die biologische Vielfalt ist bereits bekannt. Im Projekt soll gezeigt werden, dass die TriKA einen deutlich positiveren Effekt auf die Biodiversität haben kann als die Summe dreier separat angelegter Einzelmaßnahmen.

Nach erfolgreicher Erprobung des TriKA-Systems ist die Aufnahme weiterer Einzelmaßnahmen nach dem „Baukastenprinzip“ möglich, sodass durch neue TriKA-Kombinationen eine Anpassung an weitere Zielartengruppen oder Bewirtschaftungsformen möglich ist. Hierdurch kann erstmals die Grundlage für eine standardisierte Anlage von kombinierten Naturschutzmaßnahmen gelegt werden, welche flexibel an örtliche Gegebenheiten angepasst werden kann.


 

Zielgruppen und Projektgebiete

Für die Förderung von Feldvögeln, Fluginsekten oder Raubarthropoden (räuberische Käfer und Spinnen) werden drei TriKAs umgesetzt.

 

Schutz und Förderung gefährdeter Vögel der Agrarlandschaft

(Foto: Hans Glader/piclease)

Förderung von Fluginsekten als wichtige Bestäuber von Wild- und Kulturpflanzen

Förderung räuberischer Käfer und Spinnen als biologische Schädlingsbekämpfer

(Foto: Wilhelm Gailberger/piclease)

Die TriKAs sollen in drei Naturräumen mit unterschiedlicher landwirtschaftlicher Nutzung angelegt werden, sodass die gewonnenen Erkenntnisse auch auf weite Teile Deutschlands übertragen werden können. Zu diesem Zweck werden die Maßnahmenkombinationen zeitgleich für die jeweiligen Zielgruppen in der Niederrheinischen Bucht, dem Niederrheinischen Tiefland sowie dem Bergischen Land durchgeführt.

 

Niederrheinische Bucht –
Bördelandschaft
Niederrheinisches Tiefland –
Hoher Grünlandanteil

Bergisches Land –
Grünland, hoher Waldanteil

Repräsentativ für:

Börderegionen um Hannover, Magdeburg, im Landkreis Leipzig sowie im Thüringer Becken

Repräsentativ für:

viele Regionen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg

Repräsentativ für:

viele Mittelgebirgsregionen Deutschlands

Der Effekt auf die Biodiversität jeder einzelnen TriKA wird durch jährliche faunistische Begleituntersuchungen hinsichtlich der genannten Zielgruppen überprüft. Dabei wird die Zunahme der biologischen Vielfalt durch die kombinierte Anlage der Maßnahmen im Rahmen der TriKAs mit den Effekten von Einzelmaßnahmen verglichen.

 


Die Kombinationen

Feldvogel-TriKA

  1. Mehrjähriger Wildpflanzenblühstreifen mit integrierten Johannisbeeren. Die Anlage bietet früchte- und samenfressenden Feldvögeln ein Futterangebot und Ansitzwarten.
  2. Einjähriger Kulturpflanzenblühstreifen zur Verbesserung der Lebensraumsituation bzgl. der Futter- sowie Unterschlupfverfügbarkeit.         
  3. Diverse Fruchtfolge mit Biodiversitätsfenstern (angelehnt an Feldlerchenfenster) zur Lebensraumaufwertung für Feldvögel. Sie besteht aus einer gezielten Abfolge von extensivem Leguminosen- und Getreideanbau sowie den im Projekt Summendes Rheinland entwickelten blühenden Zwischenfrüchten. In Kombination mit den Biodiversitätsfenstern werden sowohl Futter- als auch Nist- und Unterschlupfmöglichkeiten für verschiedene Feldvögel bereitgestellt.

Infoblatt Feldvogel-TriKA

 

Fluginsekten-TriKA

  1. Einjähriger Kulturpflanzenblühstreifen stellt durch seine Vielfalt unterschiedlicher Pflanzenarten aus verschiedenen Familien eine geeignete Futterquelle für Bienen, Schmetterlinge und Schwebfliegen dar.
  2. Bienenhügel mit Wildpflanzenblühstreifen, der im Aufbau einer  „Beetle Bank“ ähnelt, wie er vor allem in der USA und Großbritannien bekannt ist. Da ca. 75 % der Wildbienenarten ihre selbst gegrabenen Nester in schütter bewachsener Erde und oftmals an schrägen oder abschüssigen Stellen anlegen, ist er zur Förderung im Boden nistender Wildbienen gut geeignet.
  3. Kleegras als mehrjährige Hauptfrucht, die mit Staffelmahd bewirtschaftet wird und vor allem Hummeln durch das zusätzliche Nahrungsangebot fördert.

Infoblatt Fluginsekten-TriKA

 

Raubarthropoden-TriKA

  1. Einjähriger Kulturpflanzenblühstreifen, der sowohl Unterschlupf als auch Überwinterungshabitat bereitstellt.
  2. Bienenhügel mit Wildpflanzenblühstreifen, in diesem Fall eher als Beetle-Bank zu bezeichnen, bietet verschiedenen Käfer- und Spinnenarten ein Habitat zur Eiablage und Überwinterung.
  3. Brachestreifen, welche alternierend gegrubbert werden, um ein Zuwachsen des Bodens zu unterbinden. Sie stellen einen zusätzlichen, sich schnell erwärmenden Lebensraum bereit, der vor allem Raubarthropoden des Offenlandes fördert.

Infoblatt Raubarthropoden-TriKA

Eine wichtige Grundvoraussetzung für alle geplanten TriKAs ist die Möglichkeit deren vollständiger Reversibilität. Nach Projektende können die genutzten Schläge wieder vollständig in die landwirtschaftliche Nutzung überführt werden.

 


Bildung für Nachhaltigkeit und Artenkenntnis

Im Projekt werden unter Einbeziehung der TriKAs Umweltbildungsangebote erarbeitet, um Schülerinnen und Schülern der fünften und sechsten Klassen für Naturschutz in der Agrarlandschaft und für die Bedeutung von Ökosystemleistungen zu sensibilisieren. Es sollen Kompetenzen im Bereich der Artenkenntnis, des Naturschutzes sowie der nachhaltigen Lebensmittelproduktion vermittelt werden. Der Ansatz, Umweltbildungsprogramme in Schulen durchzuführen, bindet Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen ein.

 So können junge Menschen erreicht werden, die ansonsten keinen Zugang zu einem derartigen Naturschutz-Bildungsprogramm erhalten würden. Pro Projekt-Naturraum nimmt jeweils eine weiterführende Schule ab 2021 an dem Umweltbildungsangebot des Projektes teil. Jedes Jahr wird dabei pro Schule eine fünfte oder sechste Klasse betreut. Die Schülerinnen und Schüler sollen in drei aufeinander aufbauenden Unterrichtseinheiten die Thematik erarbeiten.

 

Experimente zur biologischen Schädlingsbekämpfung

Durch praktische Versuche lernen die Schülerinnen und Schüler die Beziehung von Pflanzenschädlingen und ihren natürlichen Gegenspielern kennen. Hierbei wird die An- und Abwesenheit von Schaderreger-antagonisten simuliert.

Anlage von Blühflächen und Aufstellung von Nisthilfen

Die Schülerinnen und Schüler legen gemeinsam mit Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeitern Blühflächen oder Blühstreifen auf dem Schulgelände an, um ein Gefühl für praktische Naturschutzarbeit in intensiv bewirtschafteten, ackerbaulich geprägten Kulturlandschaften zu bekommen.

Die Blühstreifen werden durch Nisthilfen für Wildbienen, sogenannte „Bienenstöcke“, ergänzt. „Bienenstöcke“ sind ca. 1,50 m hohe Spaltpfähle aus einem geeigneten Hartholz, z. B. Eiche, die fachgerecht mit Bohrungen versehen werden. Die geschaffenen Hohlräume bieten zahlreichen Wildbienenarten einen Nistplatz.

Besuch eines landwirtschaftlichen Betriebs

Im Rahmen einer Exkursion zu den Maßnahmenflächen sollen die Schülerinnen und Schüler, in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landwirtinnen und Landwirten, selbst in den TriKAs und umliegenden Feldern nach Insekten, Spinnen und Vögeln suchen. Gemeinsam mit den Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeitern sollen die gesammelten Arten bestimmt werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen abschließend herausfinden, an welchen Standorten die meisten Arten vorhanden sind und welche Arten welche Rolle im Ökosystem Agrarlandschaft einnehmen (z. B. als Prädatoren, die auch zur Regulierung von Schaderregern in Kulturpflanzenbeständen beitragen).


 

Ökonomie und Biodiversität

Eine sozio-ökonomische Analyse mit den teilnehmenden Landwirtinnen und Landwirten wird von einem externen Dienstleister durchgeführt. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse der faunistischen Begleituntersuchungen kann somit eine fundierte Grundlage geschaffen werden, um zukünftige Fördersätze vorzuschlagen, welche sich direkt am gesteigerten Nutzen für die Biodiversität orientieren und somit auch über bisherige Förderungen von Einzelmaßnahmen hinausgehen können.

 


 

Ansprechpartner bei der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft sind

Dr. Heiko Schmied (Fon 0228 – 90 90 72 12, E-Mail h.schmied@rheinische-kulturlandschaft.de) und

Lisa Gerhard (Fon 0228 – 90 90 72 33, E-Mail l.gerhard@rheinische-kulturlandschaft.de).

 

Titelbild Kind mit Schmetterling: Antje Deepen-Wieczorek/piclease

Foto Florfliege: Wachmann, Ekkehard / piclease

 

Logo Bundesprogramm

Das Projekt „Rheinland hoch 3 – Lebensraum, Landwirtschaft, Lernort“ wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie durch das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

 

Gefördert durch:

Logo R3